80 Jahre Kieferorthopädie an der Universität Zürich
Am 10. September 2026 feierte die Klinik für Kieferorthopädie und Kinderzahnmedizin am Zentrum für Zahnmedizin das 80-jährige Jubiläum des Fachgebietes der Kieferorthopädie im universitären Curriculum des Studiums für Zahnmedizin an der Universität Zürich.
Die Kieferorthopädie an der Universität Zürich blickt auf eine mittlerweile 80-jährige Geschichte zurück. Dieses Jubiläum bietet Anlass, die Entwicklung eines Fachgebiets zu würdigen, das in Zürich über Generationen hinweg von einer besonderen Tradition geprägt wurde: der engen Verknüpfung von Lehre, klinischer Versorgung und Forschung. Diese Verbindung bildet bis heute das Fundament des Zürcher Modells und hat wesentlich zur nationalen und internationalen Ausstrahlung des Standorts beigetragen.
Frau Dr. Wanda Gnoinski begeisterte mit ihrem sehr lebendigen Rückblick auf die Geschichte der Kieferorthopädie, mit Fakten und Historie wie auch mit humoristischen Anekdoten zu Klinikinternas. War sie doch selbst mehrere Dekaden ein Teil der Klinik und hat viel zu deren Prägung beigetragen insbesondere in der Expertise bei Therapien der Lippen-Kiefer-Gaumenspalten und dem Ausbau der Sektion LKG, welche von Frau Dr. H. Hotz gegründet wurde. Wir hätten niemand besseren als Dr. Gnoinski für diesen Vortrag gewinnen können. Wir danken an dieser Stelle nochmals für ihren Beitrag zu diesem würdevollen Jubiläum.
Die Wurzeln der akademischen Kieferorthopädie in Zürich reichen bis zu den ersten kieferorthopädischen Lehrveranstaltungen unter Professor Rudolf Paul Hotz auf 1946 zurück. Aus diesen frühen Anfängen entstand schrittweise ein modernes Ausbildungsprogramm, das sich kontinuierlich weiterentwickelte und an wissenschaftlicher Bedeutung gewann.
Einen wichtigen Meilenstein stellte das Jahr 1969 dar. Mit Paul Stöckli hielt das Konzept der sogenannten amerikanischen Schule Einzug in Zürich. Er wurde nach der Emeritierung von Professor Hotz 1975 der neue Klinikdirektor der Kieferorthopädie und Kinderzahnmedizin. Die damals stark von den Tweed-Prinzipien beeinflusste Ausbildungsphilosophie brachte neue therapeutische und wissenschaftliche Ansätze in die Schweizer Kieferorthopädie und prägte die Ausbildung über viele Jahre hinweg.
Nach der Emeritierung von Professor Stöckli wurde die Klinik zunächst während einer zweijährigen Übergangsphase von Dr. Wanda Gnoinski geleitet. Anschliessend übernahm Professor Timo Peltomäki die Direktion der Klinik. Nach dessen Weggang 2009 führte Wanda Gnoinski die Klinik erneut für zwei Jahre kommissarisch. Diese Übergangsphasen standen für Stabilität und Kontinuität in Zeiten des personellen Wandels (s. Bildergalerie). Die folgende Entwicklung führte die Klinik erfolgreich in die Gegenwart und bildet die Grundlage für das heutige Jubiläum.
Ein besonderer Dank gilt auch Ulli Teuscher, der die Entwicklung des Fachgebiets über fünf Jahrzehnte hinweg begleitet und mitgeprägt hat. Sein langjähriges Engagement steht beispielhaft für die personelle Kontinuität, die den Standort Zürich auszeichnet.
Parallel zur Entwicklung der Kieferorthopädie entstand die Kinderzahnmedizin (KZM) als eigenständige Abteilung. Unter der Leitung von Dr. Hubertus van Waes wurde sie von Grund auf aufgebaut und über mehr als drei Jahrzehnte hinweg entscheidend geprägt. Zu den bedeutenden Erfolgen dieser Zeit zählt die Akkreditierung durch die European Academy of Paediatric Dentistry (EAPD), welche die hohe Qualität von Ausbildung und Patientenversorgung international bestätigte.
Die Entwicklung des Zürcher Ausbildungsprogramms erfolgte nicht isoliert, sondern eingebettet in die internationale Professionalisierung der Kieferorthopädie. Wegweisend waren dabei die Arbeiten von Edward H. Angle, der mit seinem systematischen Ausbildungskonzept die Grundlagen für das moderne Fachgebiet schuf. Seine Schüler und deren akademische Nachfolger, darunter Persönlichkeiten wie Alan Brodie, etablierten weltweit universitäre Ausbildungsprogramme und trugen massgeblich zur wissenschaftlichen Weiterentwicklung der Kieferorthopädie bei. In diesem internationalen Umfeld entwickelte sich auch das Zürcher Programm zu einem anerkannten Zentrum für Ausbildung und Forschung.
Ein Blick in die historischen Quellen zeigt, wie früh die Kieferorthopädie an der Universität Zürich verankert war. Bereits im Vorlesungsverzeichnis von 1943 wird Rudolf Paul Hotz als Privatdozent mit kieferorthopädischen Lehrveranstaltungen aufgeführt. Nur drei Jahre später, 1946, erscheint er als Extraordinarius. Damit wurde die akademische Verankerung des Fachs auch institutionell sichtbar und festigte dessen Stellung innerhalb der Universität.
Die eigentlichen Wurzeln reichen sogar noch weiter zurück. Bereits in den frühen 1930er-Jahren wurden entsprechende Lehrangebote von Professor Pierre Schmuziger durchgeführt, der Pathologie und Therapie der Mundorgane sowie Kiefer- und Gesichtsprothetik vertrat. Diese frühen Aktivitäten schufen wichtige Voraussetzungen für die spätere Etablierung der Kieferorthopädie als eigenständige universitäre Disziplin.
Die Erfolgsgeschichte der Zürcher Kieferorthopädie zeigt sich heute nicht nur in ihrer langen Tradition, sondern auch in ihrer wissenschaftlichen Leistung. In einer internationalen Bewertung von Ausbildungsprogrammen wurde das Zürcher Kieferorthopädieprogramm Ende 2020 weltweit auf Rang 4 und innerhalb Europas auf Rang 1 geführt. Besonders bemerkenswert ist dieses Ergebnis vor dem Hintergrund, dass einige der höher bewerteten Programme über deutlich grössere personelle Ressourcen verfügen.
Diese Entwicklung verdeutlicht, dass wissenschaftliche Exzellenz nicht allein von der Grösse einer Institution abhängt. Entscheidend sind vielmehr eine starke akademische Kultur, langfristige Kontinuität, engagierte Mitarbeitende und die Bereitschaft, Lehre, Forschung und Patientenversorgung gleichermassen zu fördern.
Das 80-jährige Jubiläum der Kieferorthopädie und Kinderzahnmedizin an der Universität Zürich steht damit nicht nur für eine beeindruckende Geschichte, sondern auch für einen anhaltenden Anspruch an Qualität und Innovation. Es würdigt die Leistungen der vielen Persönlichkeiten, die den Standort geprägt haben, und bildet zugleich die Grundlage für die weitere Entwicklung des Fachgebiets in den kommenden Jahrzehnten.